Donnerstag, 9. Juli 2009

ficken, Blut und Gehirnmatsch


Welche Assoziationen kommen einem wohl beim Lesen des Posttitels?

Ich decke das mal auf (als ob das doch recht große Bild nicht schon Hinweise geben würde) - das sind so die Kernthemen des Buches, das ich gestern angefangen habe zu lesen. Eigentlich lese ich ja noch "Wicked - die wahre Geschichte der bösen Hexe des Westens"; daran lese ich schon seit Monaten und ich habe den begründeten Verdacht, dass heimlich kleine Kobolde kommen und das Buch weiterschreiben, damit es nie endet. Wahrscheinlich sind diese schreibenden Kobolde verwandt mit denen, die man Kalorien nennt und die nachts heimlich Klamotten enger nähen ...
Aber zurück zu dem Buch, das ich gestern anfing. Es trägt den Titel "Ich habe die Unschuld kotzen sehen", geschrieben von Dirk Bernemann. In den Kurzgeschichten, begegnen einem die unterschiedlichsten Figuren, deren Geschichten alle irgendwie miteinander verbunden sind und bestimmte Dinge gemeinsam haben - Gewalt, ficken und Drogen.
Am meisten davon stört mich wohl der Faktor der Gewalt, weil hier in aller Ausführlichkeit beschrieben wird, wie beispielsweise Gesichter zu Brei geprügelt werden oder eine Selbstmörderin von der Straßenbahn zerstückelt wird. Gewalt in Maßen kann ja durchaus spannende Geschichten zu Tage befördern, es ist aber unnötig, dass jede Geschichte vor Blut, zu Matsch geschlagenen Frauen und rumschleimender Gehirnmasse trieft.

"Ihr Kopf bzw. gesichtsloser Schädel lag direkt vor meinem Zug auf den Gleisen und starrte mich an, allerdings ohne Augen. Die Nase da, wo ein Kinn sein sollte, und der ganze Schädel war oben offen. Aus dieser obigen Öffnung lief diese grün-gelbliche Masse auf die Gleise, zähflüssig und sickernd.
Der Mund war noch an seinem Platz, daraus quoll Blut, und lächelte mich an, als ob er sagte: Danke, mach die keinen Stress, ist schon korrekt gelaufen so.
Ich lächelte zurück und dachte: Keine Ursache, Mädchen. Kein Ding. Jederzeit."
(Ich habe die Unschuld kotzen sehen, D. Brenemann, S. 36)

Regelrecht abstoßend finde ich so manche Geschichte über Sex, wenn beispielsweise ein versoffener Looser sich daran erinnert, dass er seine Frau gern zum Sex zwang und prügelte, wenn sie nicht wollte und deren Tränen ihn dann so aufgeilten, dass er nach wenigen Sekunden schon kam. Selber Mann erinnert sich an seine drei Kinder, die er zärtlich als "Fehlgeburten" bezeichnet und die er durch die Bank weg hasst, außer der Tochter, die wollte er nämlich immer schon ficken.

Und trotzdem kann ich dieses Buch nicht aus Hand legen und fühle mich von einer unsichtbaren Macht dazu gezwungen alle Kurzgeschichten zu lesen, mich darüber aufzuregen und mich vor dem Gelesenen zu ekeln. Auf den zweiten Blick erkennt man in den Figuren tragische Helden, die um ihre menschliche Existenz kämpfen oder einfach nur versuchen, nicht den Halt zu verlieren.
Ich bin ehrlich gesagt etwas ratlos, wie ich das Buch bewerten soll. Der Autor Bernemann weiß mit Sprache umzugehen, auch wenn mir die Bilder, die er damit zeichnet nicht gefallen. Andererseits kann man den Figuren und ihren Erlebnissen nicht nachsagen, dass sie realitätsfern sind - gerade eben sah ich in einer Vorschau auf die Sendung "Punkt 12" auf RTL einen Beitrag über ein Opfer sinnloser Gewalt, zusammengeschlagen von Menschen, die sich von Langeweile und Blutdurst haben leiten lassen. Dieser Umstand tröstet mich aber nicht darüber hinweg, dass das Buch stellenweise zu gewollt provozierend wirkt und deshalb vergebe ich ihm 4 von 10 Nasenbrüchen, bei denen ordentlich Blut spritzt.

(Bildquelle: http://www.proton-team.com/wp-content/uploads/ich-hab-die-unschuld-kotzen-sehen-dirk-bernemann.jpg)